Seit nun zwei Jahren arbeitet die BVG daran, den barrierefreien Zugang ihrer Busflotte zu beschränken. Dabei war Berlin Vorreiter bei der Entwicklung moderner Technologien, die es auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität ermöglichen, am ÖPNV teilzunehmen. Die BVG war von Anfang an nicht davon begeistert, befürchtete Mehrbelastungen des Personals.

Die in Berlin erprobte Technik des Absenkens der Busse an der Haltestelle, das sogenannte Kneeling, ist heute für alle Nahverkehrsbusse in Europa vorgeschrieben. Es gibt zwei Varianten:

  • Der Bus senkt sich ab, wenn der Fahrer den Knopf zur Türöffnung drückt (automatisches Kneeling)
  • Der Fahrer kann auf einen zweiten Knopf drücken, um den Bus abzusenken (Bedarfskneeling)

Bisher ist in Berlin das automatische Kneeling Standard, europaweit ist allerdings nur das Bedarfskneeling vorgeschrieben. Die BVG will in Zukunft nur noch den europäischen Standard erfüllen, um dadurch die Standzeiten an den Haltestellen zu verkürzen. Um dies zu erreichen, werden fadenscheinige Argumente angeführt:

„Beschaffungskosten senken: Bei neuen Bussen auf Sonderausstattung verzichten“
Das Argument zählt nicht, da neue Busse standardmäßig sowohl für das automatische- als auch für Bedarfskneeling ausgestattet sind. Mit einem Kippschalter kann dann zwischen beiden Varianten gewählt werden.

„Kneeling foltert Fahrgäste: Menschen mit Rückenproblemen oder Schwindelanfälligkeit haben sich beschwert“
Solche Beschwerden sind natürlich ernst zu nehmen, die BVG hat uns bislang genau eine vorgelegt. Die Beschwerden, die während der Testphase des Bedarfkneelings eingegangen sind, sind um ein vielfaches höher.

„Wartungskosten senken: Beim ständigen Kneelen entsteht hoher Verschleiß“
Hier musste die BVG nach Auswertung der selbst erhobenen Testergebnisse ihre Prognose gewaltig senken: Von 1,55 Mio Euro auf 0,76 Mio Euro um mehr als die Hälfte.

„Spritkosten sparen: Das Kneelen verbraucht Diesel.“
Überraschenderweise steigt hier nach den von der BVG erhobenen Daten die prognostizierte Ersparnis von 0,4 Mio Euro auf 1,17 Mio Euro. Der Durchnittsverbrauch von 152 Low-Entry Bussen in den Monaten 1/2011 bis 6/2011 wurde dem Durchschnittsverbrauch in den Testmonaten 7/2012 bis 1/2013 gegenübergestellt. Die Differenz (44,8 minus 43,5) beträgt 1,3 Liter pro 100 km, das sind 2,9 Prozent. Der Durchschnittsverbrauch dieser Busse ist extrem niedrig, bei den anderen Eindeckern beträgt das Jahresmittel 53,6, bei den Doppeldeckern 63,7 Liter pro 100 km. Da der Verbrauch für das Kneeling unabhängig von der Höhe des Gesamtverbrauchs ist, kann die prozentuale Berechnung der Einsparprognose für die übrigen 732 Eindecker-Busse nicht realistisch sein. Seitens der BVG wird darauf verwiesen, dass eine längere Testphase notwendig sei, um zu besseren Prognosen zu kommen. Übrigens: Das Einsparvolumen bei der Modernisierung der Busflotte liegt mit 20 Prozent deutlich über dem, was ein Verzicht auf Kneeling bringen kann und Barrierefreiheit gibt es nicht zum Nulltarif.

Für die Testphase hat die BVG fast die halbe Busflotte auf Bedarfskneeling gesetzt. Sie bewirbt den „Komfort-Knopf“ als neueste Errungenschaft ihrer Bemühungen um Barrierefreiheit. Einen Knopf also, auf den man getrost drücken kann, ohne dass etwas passiert. Denn er signalisiert dem Fahrer nur den Kneeling-Wunsch. Für Sehbehinderte und Blinde wird der Einstieg in den Bus zusätzlich erschwert.

Während beim automatischen Kneeling der Bus nach dem Öffnen der Türen bereits abgesenkt ist, muss sich der Fahrer nach Kenntnisnahme des Kneeling-Wunsches, so er das Lichtsignal überhaupt sieht, erst vergewissern, ob er denn überhaupt kneelen kann. Zunächst müssen alle Fahrgäste ein- und ausgestiegen sein, sonst würden sie vielleicht von der Stufe kippen. Zudem muss die Halteposition des Busses das Kneelen auch erlauben. Darauf muss der Fahrer beim Bedarfskneeling nicht achten, beim automatischen schon.

Der „Komfort-Knopf“ bedeutet somit weniger Komfort für alle Fahrgäste. Für Rollstuhlfahrer ist es in Zukunft Glückssache, ob sich der Bus absenkt oder nicht. Sie kommen zwar auch ohne Kneeling in den Bus – der Fahrer muss aussteigen und die Rampe herunter klappen – dann aber mit weniger „Komfort“.

Bei der Anhörung am 3. September 2012 hatte der Ausschuss Gesundheit und Soziales der bereits seit März laufenden Testphase zugestimmt mit der Auflage, das von der BVG nach Abschluss im Januar 2013 eine wissenschaftliche Auswertung von einer unabhängigen Stelle vorgelegt werden soll. Diese Auswertung bleibt uns die BVG bis heute schuldig.

Immerhin wurden unter Marketing-Gesichtspunkten im Mai 2012 bei einer telefonischen Befragung rund 600 BVG-Kunden auch nach der Akzeptanz des Bedarfskneelings gefragt. Bei dieser wenig repräsentativen Stichprobe wurde ermittelt, dass 27 Prozent die Art des Kneelings egal ist, 29 Prozent Bedarfskneeling gut finden, 20 Prozent das automatische Kneeling schätzen und 24 Prozent darauf angewiesen sind. Interessanterweise wurden uns diese Zahlen am 3. September 2012 vorenthalten, denn sie stützen kaum die These, dass die Mehrheit der Kunden kein automatisches Kneeling will.

Nachdem die BVG auf meine Anfrage im Plenum erklärte, nach dem Ende der Testphase am 31. Januar bereits Ende Februar ihre selbst erhobenen Ergebnisse vorlegen zu können, wurde am 13. März 2013 eine Anhörung im Ausschuss Bauen, Wohnen und Verkehr angesetzt. Die Geladenen mussten allerdings wieder abziehen, da die BVG nicht in der Lage war, ihre Auswertung zu präsentieren. Offenbar war ihr die dünne Datenlage selber peinlich.

Heute, am 8. Mai, fand die Anhörung im Ausschuss Bauen, Wohnen und Verkehr dann statt. In den Mittelpunkt rückte der Vertreter der BVG eine zweite telefonische Befragung von rund 600 Kunden im März/April 2013. Jetzt ist 17 Prozent der Befragten die Art des Kneelings egal, 44 Prozent finden Bedarfs-Kneeling gut, 22 Prozent schätzen das automatische Kneeling und 17 Prozent sind darauf angewiesen. Was können uns diese Zahlen sagen?

  • Die BVG behauptet, die Akzeptanz des Bedarfs-Kneelings ist um 15 Prozent gestiegen.
  • Wie man leicht sieht, sind 7 Prozent weniger Menschen auf das Kneeling angewiesen, sind die ausgewandert?
  • Überraschung: 2 Prozent mehr Menschen schätzen den Komfort des automatischen Kneelings, sollte man das nicht beibehalten?

Die Bereitschaft der Ausschussmitglieder, diese Zahlen ernsthaft zu besprechen, hielt sich in Grenzen. Von allen hier bereits angeführten Argumenten der BVG blieb am Ende nur übrig, dass in der Abschaffung des Kneelings eine Einsparpotential von ein bis zwei Millionen Euro steckt. Hier werden die Haushaltsberatungen ergeben, ob die Koalitionsfraktionen dieses Potential auch nutzen wollen. Solange herrscht der Status Quo: Die BVG wird die Testphase verlängern, um vielleicht zu weiteren Erkenntnissen zu kommen. Vorerst werden keine weiteren Busse auf das Bedarfskneeling umgestellt.

Weitere Infos in meiner PM vom 12. Februar 2013

Was denkst du?

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.