Am Freitag traf ich um 20:00 Uhr bei der Einsatzleitstelle der Berliner Polizei ein. Sie ist 700 Quadratmeter groß. Und warm, selbst um 20:00 Uhr noch. Und laut. Über 40 Polizistinnen und Polizisten machen hier ihren Dienst. Draußen vor der Leitstelle stehen so Klimaanlagen, wie man sie aus der Berichterstattung zu Fernost kennt, auf ein Metallgestell drapiert. Die sollen wohl die 700 Quadratmeter klimatisieren, denke ich. Tun sie aber nicht. Die Klimaanlagen sind mehr so eine Absichtserklärung. Trotzdem arbeiten drinnen über 40 Polizistinnen und Polizisten. Auf der einen Seite gehen die Notrufe ein, auf der anderen Seite werden die daraus entstehenden Einsätze nach Direktionen koordiniert. Alle 23 Sekunden ein Notruf. Jede Stunde 156,5 Notrufe. Jeden Tag 3.756,5 Notrufe. Das Essen muss selbst mitgebracht oder in der Pause zubereitet werden. Jede Schicht 40 Polizistinnen und Polizisten, jede Schicht 30 Minuten individuelle Essenszubereitung. 20 Stunden individuelle Essenszubereitung pro Schicht. Das nennt man Einsparung.

Die Arbeitsplätze sehen so aus, als hätte sich im Jahr 1950 jemand die Zukunft vorgestellt. Eine Zukunft, in der jeder Mensch fünf Arme und zwei Köpfe hat. Es ist warm, es ist laut und jetzt könnte man, denke ich mir, das ja alles nicht so ernst nehmen, wenn es nicht so ernst wäre. Jeder Anruf ist ein Notfall. Zumindest für die Person, die 110 wählt. Einige vergreifen sich im Ton. Aus der Geräuschkulisse kommt immer mal wieder „Ich fordere Sie auf, in einem anderen Ton mit mir zu sprechen, junger Mann“ oder ein „Ich fordere Sie auf, den Notruf nicht zu missbrauchen, wenn Sie das noch einmal machen, kommen wir vorbei.“ Für die Polizistinnen und Polizisten, die ans Telefon gehen, ist das Stress. Denn sie müssen ja ran. Sie müssen es ja ernst nehmen. Trotz Hitze, trotz Lärm. Trotz Arbeitsplätzen, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie eine Orgel oder ein Atomkraftwerk werden wollen, wenn sie groß sind.

Die arbeiten das ab. Denn irgendwer muss es ja machen. Die Software zur Bearbeitung der Anrufe läuft auf Windows. Eine in Software gegossene Ergonomiekatastrophe. Eigentlich müsste man 110 wählen, um auf einen schlimmen Softwareunfall hinzuweisen. Die ganze Zeit mischt sich in den Lärm aus Sprache der Lärm aus Windows-Signaltönen. Es gibt einen Lautsprecher für den analogen Funk, es gibt einen Lautsprecher für den digitalen Funk. Es gibt ’ne Maus und ’ne Tastatur und viele Knöpfe. Es gibt ein Fußpedal zur Bedienung des analogen Funks. Und drei Flachbildschirme aus der Zukunft, die den Arbeitsplatz, der gern Zukunft sein wollte, leise auslachen. Ich schaue einer Polizistin eine Dreiviertelstunde dabei zu, wie sie virtuos die Geschicke einer halben Direktion koordiniert. Es hat etwas von Orgelspiel, einer intuitiven Tätigkeit – ich habe den Eindruck, da bezwingt jemand gerade ein technisches Monster und lässt es wie Leichtigkeit aussehen.

Dazwischen das Team der Pressestelle der Berliner Polizei, das vierundzwanzig Stunden lang möglichst jeden Notruf twittern will. In drei Schichten. 24hPolizei heißt das Hashtag. Nach zwei Minuten fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die polizeiliche Kriminalstatistik, die wir Großkopferten alljährlich im Innenausschuss besprechen, das sind ja gar nicht die Notrufe. Das ist ja nur die Kriminalität, die nach den ganzen Fehlalarmen übrig bleibt. Fehlalarm aus Sicht der Kriminalstatistik. Der Vater, der 110 wählt, weil er seine Tochter vermisst und statt dieser nur die Mailbox erreicht hat, erlebt einen Notfall. Die Streife, die zum Ort des Geschehens fährt, erlebt einen Notfall. Stress. Du kannst nicht zu einer potenziellen Geiselnahme gerufen werden, ohne voll Adrenalin zu sein. Du kannst hoffen, dass es keine Geiselnahme ist, aber wissen kannst du es erst, wenn du weißt, dass es keine Geiselnahme war. Die Polizistinnen und Polizisten an der Annahme haben Stress. Die Einsatzwagen in den Abschnitten haben Stress. Diejenigen, die die Einsätze für die Direktionen koordinieren, haben Stress. Dabei muss mit den Ressourcen so umgegangen werden, dass es eine stille Reserve gibt. Wenn drei Streifen gerade mittendrin sind, eine Ruhestörung zu beseitigen, dann können die nicht den Einsatz abbrechen, wenn es im Abschnitt einen Banküberfall gibt. Wie bei Fluglotsen dürfen keine Fehler passieren. Wenn Fluglotsen andere, bessere Arbeitsbedingungen brauchen, dann streiken sie. Die Einsatzleitstelle der Berliner Polizei muss immer besetzt sein.

Mir war nicht klar, dass die meisten Streifenwageneinsätze wahrscheinlich dazu führen, dass nichts Schlimmeres passiert. Wenn Nachbarschaftsstreits geschlichtet werden, wenn Lärmbelästigungen beseitigt werden, wenn sich eine vermeintliche Schlägerei als zu laute Touristen herausstellt, denen auf den Weg mitgegeben werden kann, dass sie einfach ein wenig leiser sein sollen. Eine Statistik darüber, wie viel Kriminalität in dieser Stadt durch die Polizei verhindert wird, die gibt es nicht. Der alltägliche Wahnsinn bleibt selbst für mich als Innenpolitiker weitestgehend unsichtbar.

Klar wird mir ein Dilemma, ein Kommunikationsproblem, zwischen Politik und Polizei. Ein Beamter, der z.B. in der Einsatzleitstelle den Arsch voll Arbeit hat, empfindet es wahrscheinlich als Beleidigung, wenn ich als Pirat eine Auswertung und Dokumentation der Funkzellenabfragen haben möchte. Wenn ich wissen will, wie häufig aus welchem Grund Grundrechtseingriffe passieren. Der Otto-Normal-Polizist in der Einsatzleitstelle ist wahrscheinlich froh, wenn während der Schicht der Rechner nicht abschmiert und sich die Kriminalität halbwegs gleichmäßig auf die verfügbaren Ressourcen verteilt.

Ich will trotzdem wissen, warum die in unsere Grundrechte eingreifen, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass einer neben der Einsatzbearbeitung in ’nem weiteren Windowsfenster ’ne Excel-Tabelle mit der neuesten Funkzellenabfrage aufmacht, um mal gerade zu schauen, ob jemand aus dem Bekanntenkreis dabei ist. Ich will trotzdem wissen, was V-Personen im Land Berlin machen und warum wir die angeblich brauchen. Ich will das alles wissen, und kann trotzdem anerkennen, dass es keinen finsteren Plan zur Knechtung der Berlinerinnen und Berliner gibt, sondern viel zu tun und überraschenderweise wenig, was bei diesem Wahnsinn schiefgeht.

Mir wird klar, dass diese ganze Sicherheitsesoterik wahrscheinlich auch deswegen betrieben wird, weil man gar nicht mehr weiß, wie man bei dieser Arbeitslast die ganze Kriminalität noch bekämpfen soll. Hier käme die Politik ins Spiel. In der bisherigen Legislatur ging es wenig um Ausstattung und Arbeitsorganisation der Polizei, sondern vor allem um Versäumnisse. Natürlich muss aufgeklärt werden, warum am 1. Mai ein Polizist einer Hundertschaft mit Pfefferspray ohne Vorwarnung unbescholtene Passanten einsprüht. Aber von solchen Arschlöchern bekommen die in der Einsatzleitstelle nichts mit. Haben die auch gar keine Zeit für. Es müssen Hunde, Katzen, Raben gerettet werden. Betrunkene vom Mittelstreifen aufgerichtet und randalierende Ex-Freunde eingesammelt werden. Polizistinnen und Polizisten fühlen sich aber trotzdem in Sippenhaft genommen, wenn Piraten eine Polizeikennzeichnung oder die Auswertung von Grundrechtseingriffen fordern.

Es muss aber beides möglich sein: Auf der einen Seite die Arbeit derjenigen schätzen und anerkennen, die täglich das Gewaltmonopol des Staates besten Wissens und Gewissens durchsetzen, auf der anderen Seite klar und deutlich gegen die vorgehen, die den Anforderungen des Polizeiberufs trotz bestandener Prüfung leider doch nicht gerecht werden.

Den Wahnsinn verdeutlicht hat #24hPolizei. Ich hatte den Eindruck, dass es den Polizistinnen und Polizisten Spaß gemacht hat, ihre Arbeit auf diesem Weg transparent machen zu können. Das ist ja das Absurde: Lauter gestresste Menschen am Limit, die trotzdem versuchen, so diszipliniert, wie es nur geht, ihren Job zu machen, da jeder Fehler doppelt und dreifach bestraft wird.

Ich war überrascht, wie positiv das Feedback auf Twitter war. Gleichzeitig war die Berichterstattung über die Polizeieinsätze in Hamburg das negative Kontrastprogramm. Leider gibt es noch nicht mal schwarz und weiß. Es gibt nur die Möglichkeit, sich in ganz kleinen Schritten einer Welt anzunähern, die ein bisschen besser ist.

Fluglotsen können streiken. Polizistinnen und Polizisten zum Glück nicht. Nimmt dann allerdings die Abgeordneten als Gesetzgeber in die Verantwortung, für ordentliche Arbeitsbedingungen zu sorgen. Dass es hier einiges zu tun gibt, wurde mir Samstag früh klar, als ich mich um 2:00 Uhr morgens auf den Weg nach Hause machte. Den Kopf voll Hitze und Lärm und Twitter.

3 Kommentare

  1. 1

    Ein sehr schöner Bericht.
    Danke.

  2. 2
    Durchschnittsbürgerin

    Danke, für Deinen ungefärbten Bericht und vorurteilsfreien Schlussfolgerungen.

  3. 3

    […] Zur Abgeordnetentätigkeit gehören natürlich auch vielfältige Gespräche und Treffen mit NGOs, Mitarbeitenden der Verwaltung sowie Hospitationen oder Ortstermine z. B. bei der Berliner Polizei. […]

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