Raul Krauthausen fotografiert von Esra Rotthoff ©2013Raul Krauthausen fotografiert von Esra Rotthoff ©2013 2013

„Inklusion – Die meisten Leute, die über diesen Begriff sprechen, sind Menschen ohne Behinderungen, die gar nicht wissen, was dieses Wort bedeutet. Sie haben den Begriff Integration einfach ersetzt. Aber wir sollten das Wort auch nicht verteufeln, weil es die meisten Menschen nicht verstanden haben. Wir haben ein Wort, an dem wir uns abarbeiten können.“

Zur „Mobilität der Zukunft“ hielt Raúl Aguayo-Krauthausen auf der INKLUSIVE 2015 einen Vortrag, in dem er u. a. auf die Auswirkungen technischer Neuentwicklungen auf das Leben von Menschen mit Behinderungen und deren Freunde und Familien hinwies, da sie dabei oftmals nicht beteiligt werden. Im Folgenden wollen wir auf einige Highlights des Vortrags aufmerksam machen. Es lohnt sich, die gesamten knapp 40 Minuten anzuhören bzw. anzusehen.

Wheelmap.org – Rollstuhlgerechte Orte finden.

Die Sozialhelden wurden von Raúl und seinem Cousin Jan 2004 ins Leben gerufen. Ihre Ziele dabei: sich sozial zu engagieren und Ideen mit Freunden umzusetzen. So wurde von ihnen u. a. das weltweit bekannte Projekt Wheelmap ins Leben gerufen. Hier können Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Orte nach ihrer Rollstuhlgerechtigkeit bewerten. In der partizipativen Plattform kann jeder selbst Daten eintragen und ergänzen. Mittlerweile verfügt die Wheelmap über 450.000 Orte weltweit und ist in 23 Sprachen online.

Behinderung ist auch eine Form von Lifestyle

So lautet die These der Sozialhelden. Menschen mit Behinderungen haben eigene ästhetische und funktionelle Ansprüche und wollen bei technischen Neuentwicklungen partizipativ eingebunden werden. Allzu oft überdauern die schönsten Designs den Praxistest nicht.

Beispielsweise Segway-Rollstühle – Elektrisch betriebene Rollstühle, die sich durch Oberkörperneigung steuern lassen, wurden als Innovation gefeiert. Praktischer Nachteil: Deren Balancierstange in der Mitte ist störend, wenn man sich an einen Tisch setzen will. Entfernt man sie, wird die Konstruktion instabil. Also befestigte man Stützräder und das ganze coole Design war dahin.

Immer wieder werden Funktionen nachgerüstet, weil man Menschen mit Behinderungen, die diese Dinge und Dienstleistungen nutzen sollen, schlichtweg nicht fragt. Aber auch andersherum gibt es ein Problem.

Raúls Lieblingsinnovation aus Kreuzberg: Eine Kinderwagenfunktion für einen Rollstuhl, Marke Eigenbau. Eine Produktlösung für diese sinnvolle und für Eltern im Rollstuhl erforderliche Funktion von namhaften Herstellern sucht man allerdings vergebens – warum wird das nicht aufgegriffen?

Einfach so ins Taxi einsteigen – ein Zukunftstraum?

Als Privatperson an ein barrierefreies Fahrzeug zu kommen, ist schwer. Es gibt in Berlin den Sonderfahrdienst, hier dauert allein schon das Antragsverfahren acht Wochen. Hat man das geschafft, muss man drei Tage im Voraus buchen, der eigene Lifestyle muss sich zwangsweise unterordnen. Es geht auch anders, das zeigt London: Dort sind 50 Prozent der Taxen barrierefrei, im Rollstuhl befahrbar. In Deutschland gibt es noch nicht einmal eine Debatte zur Barrierefreiheit im Zusammenhang mit der Zulassung von Taxen, bemängelt Raúl. Carsharing ist auch keine Alternative, hier kann man zwar angeben, wenn man einen Hund mitnehmen möchte, Rollstühle sind dagegen nicht vorgesehen.

In der anschließenden Diskussion wird vom Publikum darauf verwiesen, dass der Sozialverband Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen an einer Lösung im Taxibereich arbeitet – dem sogenannten Enthinderungstaxi – aber leider ist hier noch nichts spruchreif.

Weiterhin sprach Raúl in seinem Vortrag über:
· die fehlende Barrierefreiheit in Reisebussen
· eine Rolltreppe für Rollstuhlfahrer
· ein Elektroauto für Menschen im Rollstuhl, das keinen Platz für Freunde und Familie hat

und er gab eine Bastelanleitung für Mini-Rollstuhlrampen aus Legosteinen, verwies aber auf die deutlich sichere Variante der gegen eine Spende von 100 Euro über die Sozialhelden beziehbare Wheelramp aus dem Projekt „tausendundeinerampe.de“.

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Ein Kommentar

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    […] „Behinderung ist auch eine Form von Lifestyle“ […]

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