Ja, es wird gezockt in der Piratenfraktion. Diese simple Bestandsaufnahme ist bei Weitem kein Alleinstellungsmerkmal, finden sich doch quer durch alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus passionierte Gamer*innen. Und dennoch: In der parlamentarischen Arbeit des Abgeordnetenhauses taucht das Thema „Videospiele“ nur vereinzelt auf. So nahm es im Februar 2008 in der Diskussion um den Jugendschutz und durch den Senat einen negativ konnotierten Stellenwert ein (z. B. zur Unterstützung der Bundesratsinitiative gegen „Killerspiele“).

Einige Jahre später stellt sich die gesellschaftliche Rezeption verändert dar. Schon seit 2008 sind Videospiele ein anerkanntes Kulturgut. Die Branche in Berlin ist ein starkes Zugpferd der regionalen Kreativwirtschaft und versorgt die Stadt mit tausenden Jobs und hohen Einnahmen. Das zeigen Markterhebungen des Medienboard Berlin-Brandenburg und der jüngst publizierte Kultur- und Kreativwirtschaftsindex Berlin-Brandenburg der Industrie- und Handelskammer. Im Oktober 2015 richtete das frisch nach Berlin geholte Deutschland-Büro von Riot Games, der Firma hinter dem erfolgreichen Online-Strategiespiel „League Of Legends“, das ausverkaufte Weltfinalspiel vor tausenden internationalen Fans in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof aus. Wenige Wochen später übertrug das Spindler & Klatt am Spreeufer in einer großen Party die Blizzcon, den Jahreshöhepunkt der eSport-Sektion von Blizzard.
 

Nachgefragt: Was weiß der Berliner Senat über die Branche?

Aber was steckt unter der Haube dieser rasanten Entwicklung? Die Piratenfraktion hat einen Blick auf das Themenfeld „Gaming in Berlin“ geworfen und einige schriftliche Anfragen an den Senat gerichtet, um dessen Wissen über sowie seine Einstellung gegenüber der Branche und der Szene in Berlin zu prüfen.

Die Antworten des Berliner Senats waren sehr unterschiedlich. Einige Anfragen wurden sehr ausführlich beantwortet, andere eher lapidar. Bemerkenswert ist, dass sämtliche gestellten Anfragen in der unmittelbaren Vorweihnachtszeit noch beantwortet wurden. Danke daher an alle Beteiligte in Senat und Verwaltung!

In den folgenden Absätzen werden die Inhalte der Anfragen zusammengefasst um einen Ausblick auf die thematischen Schwerpunkte zu geben. Eine ausführliche Auswertung folgt in den kommenden Wochen, um ein detailliertes Bild über Informationen des Senats und eigene Recherchen zu ermöglichen.

Videospielbranche als Wirtschaftsfakor

Mit Wachstumsraten um 10 Prozent jährlich ist die Videospielbranche als Teilgebiet des Bereiches Software/Gaming eine Triebfeder der Kreativwirtschaft in Berlin. Sie profitiert von den Vorteilen durch ansässige Studiengänge und Ausbildungsinstitute, der Konzentrierung von Zuliefererbetrieben aus der Kreativwirtschaft, den (noch) niedrigen Lebenserhaltungs- und Standortkosten und den flexiblen Gewerbeflächen, die unsere Stadt zu bieten hat. Die zuständige Senatsverwaltung allerdings kann sich nur auf ungenaues Zahlenmaterial verlassen. Die Videospielbranche wird nicht als eigener Teilbereich wahrgenommen, sondern mit dem strukturell diversen Softwaremarkt zusammengeworfen – das zeigt dann auch Ungenauigkeiten in der Beurteilung des Senats. Insgesamt ist zu konstatieren, dass die Förderung und strategische Entwicklung der Branche durch Angebote des Landes Berlin sehr fragmentiert ist und keine zentrale Koordination erfährt – hier muss deutlich nachgearbeitet werden.

Einzelne Institutionen, die Wirtschaft und Verwaltung verknüpfen, ragen durch ihre Standortpolitik beispielhaft heraus. Insbesondere die Messeakquise trug reichhaltige Früchte bei der Gewinnung von internationalen Firmen für den Standort Berlin. Gleichzeitig erfährt die Branche nur selten die öffentliche Würdigung, die ihr zustehen sollte.

Die Standorte von Redaktionen und Verlagen mit einem Schwerpunkt auf Videospielberichterstattung – ein Kernelement eines erfolgreichen Clusters – sind dem Senat vollkommen unbekannt und anscheinend für ihn weitestgehend uninteressant. Strategien oder Konzepte, die vorhandenen Ambitionen in Berlin zu fördern und die Neuansiedlung zu unterstützen, fehlen. Ein ernstzunehmendes Problem für eine erfolgreiche Standortpolitik.

Die Anfragen zur Vertiefung:

 

Defizite bei Ausbildung und Forschung

Im Bereich der Ausbildung und Forschung stellt Berlin das aufstrebende Mittelfeld im bundesweiten Vergleich dar. Insbesondere mit dem Studiengang „Game Design“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und dem dazugehörigen „Game Changer Institute“ mit diversen Forschungsprojekten hat sich in den vergangenen Jahren eine starke öffentliche Ausbildungsstruktur etabliert, deren Ausbau unbedingt unterstützt werden muss. Flankiert wird das öffentliche Ausbildungsangebot durch verschiedene privatwirtschaftliche Ausbildungsinstitutionen und einen geplanten „Game Programming“-Weiterbildungslehrgang an einem Oberstufenzentrum in Berlin. Die geisteswissenschaftliche Erschließung des Gebietes (z. B. durch den Bereich „Game Studies“) fehlt dem Wissenschaftsstandort Berlin bislang gänzlich, auch im Videospieljournalismus sind keine zielgerichteten Hochschulausbildungen möglich. Hier werden Defizite im Ausbildungsprofil der Stadt im Bereich „Gaming“ deutlich.

Die Anfragen zur Vertiefung:

 

Etabliert aber kaum öffentlich zugänglich: Videospiele als Kulturgut

Im Kulturbereich eröffnet sich ein avantgardistisches Bild: Berlin hat viele Ausstellungen und Kulturträger, die sich zumindest teilweise auf verschiedenen Ebenen mit dem Bereich „Gaming“ beschäftigen. Insbesondere das Computerspielemuseum ist hier hervorzuheben, bietet es doch seit 1997 einen durchgängigen Zugang zur kulturellen Aufarbeitung des Themengebietes. Während der Senat dieses Projekt stolz präsentiert, hält er sich bei der Finanzierung vornehm zurück.

Videospiele gelten seit 2008 als Kulturgut. Ganz automatisch schließt sich an diese Feststellung die Frage nach dem öffentlichen Zugang an: Wer kann wie und wo ohne Zugangsbarrieren an diesem kulturellen Leben partizipieren? Besonders im Fokus sind dabei die Bibliotheken, die wohl wichtigsten öffentlichen Zugangsträger zu kulturellen Produkten. Die Situation stellt sich hier miserabel dar: an vier Computern und sieben Konsolen können berlinweit (!) Videospiele benutzt werden. Und: der Zugang ist vor allem auf Jugendliche konzentriert, Erwachsene haben das Nachsehen. Zugänglichkeit sieht anders aus.

Auch die Schulen tasten sich erst langsam und weitestgehend in Eigenverantwortung und ohne politische Koordinierung an das Bildungs- und Kulturmaterial der Videospiele heran. Immerhin hat sich der Senat in einer der zentralen kulturellen Debatten der vergangenen Jahre – der Diskussion um Killerspiele – zurückgenommen: „Der Senat verwendet den Begriff ‚Killerspiel’ nicht mehr.“ Nun gilt es, sich neuen Aspekten im Gaming zuzuwenden: der Debatte um #GamerGate und der kulturellen Zugänglichmachung von Videospielen und der angeschlossenen Szene für Frauen*.

Die Anfragen zur Vertiefung:

 

eSport noch ohne Sportförderung in Berlin

Während im Oktober 2015 das League-of-Legends-Finale die Mercedes-Benz-Arena in kürzester Zeit ausverkaufte und von vielen Besucher*innen aus der ganzen Welt frequentiert wurde, wird das Thema eSport durch den Berliner Senat noch weitestgehend stiefmütterlich behandelt. Kernfaktor ist hierbei, dass eSport immer noch kein anerkannter Sport ist und sich für viele verwaltungstechnischen Maßnahmen der Sportförderung und –politik nicht qualifiziert. Wie andere Sportarten trägt er aber zum internationalen Austausch und dem freundschaftlichen Wettstreit bei – das sollte sich auch in der Partnerschaftspolitik mit anderen Städten und Nationen, zum Beispiel mit Südkorea widerspiegeln. eSport ist ein bedeutender Bestandteil der sozialen und sportlichen Lebenswirklichkeit vieler Berliner*innen – er muss deshalb einen respektierten Platz in unserer Stadt erhalten.

Die Anfragen zur Vertiefung:

 

Politische Initiative für eine „Spielbare Stadt“

Mit den vorliegenden Anfragen und weiterer Recherche in Publikationen ist es möglich, politische Positionen in zielgerichtete parlamentarische Anträge zu gießen. So viel sei jetzt schon zur Auswertung und politischen Analyse verraten: Berlin muss sich deutlich stärker bewusst als Stadt der Videospielbranche und der Spieler*innen positionieren. Wer Rahmenbedingungen schafft, die Wirtschaft und Verbraucher*innen gleichermaßen die Hand reichen und zum dauerhaften Verweilen einladen, leistet einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und persönlichen Lebensqualität von Berlin. Die „spielbare Stadt“ kann sich mithilfe kluger politischer Initiativen als herausragendes Beispiel der europäischen und internationalen Videospielkultur positionieren – das möchte die Piratenfraktion unterstützen und fördern.

6 Kommentare

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    […] dem allgemeinen Überblick zum Gaming in Berlin wird hier die wirtschaftliche Bedeutung der Videospielbranche für die Stadt Berlin vertieft. […]

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    […] dem allgemeinen Überblick zum Gaming in Berlin wird hier die wirtschaftliche Bedeutung der Videospielbranche für die Stadt Berlin […]

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    […] dem allgemeinen Überblick zu unserer Anfragen-Serie zur Videospielbranche in Berlin beschäftigten wir uns im ersten Teil […]

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    […] Gaming in Berlin: Auf dem Weg zu einer „Spielbaren Stadt“ […]

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    […] gilt es jetzt zu handeln und Berlin als die spielbare Stadt zu präsentieren, die es sein sollte: innovationsfreudig, mutig, und konsequenterweise die […]

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